Die Vinitaly in Verona fand 2018 bereits zum 52. Mal statt, und ist als Fachmesse für Wein und Spirituosen mittlerweile zu einer der bedeutendsten Ausstellungen weltweit herangewachsen. An 4 Tagen besuchen über 130.000 Besucher aus 142 Ländern die 4.270 Aussteller. Wir nehmen Euch auf einen Messebummel mit!
Für die meisten der über 32.000 Einkäufer bedeutet die Vinitaly auf dem 90.000m2 großen Messegelände viel Stress. Als private Weinliebhaber geht es uns besser, und wir nutzen den Messebesuch, um neue Weine zu entdecken, oder bekannte Winzer zu besuchen, und um uns einen Überblick über den aktuellen Weinjahrgang zu verschaffen. Aber auch der private Besucher ist gut beraten, wenn er sich vorher schon einen gewissen Plan zurecht legt, welche Region oder welchen Winzer er besuchen möchte.


Unsere ganze Familie ist mit dem Gebiet Friaul-Julisch Venezien sehr stark verbunden. Wir nutzen die geografische Nähe zu Kärnten, um an Wochenenden Winzer in der Region zu besuchen, neue Lokale zu entdecken, oder mit unseren Rädern durch die wunderbare Landschaft zu fahren. Auf der Vinitaly haben wir die Möglichkeit fast alle Winzer aus dem Friaul auf komprimierter Fläche zu treffen, und deren aktuelle Weine zu verkosten. Auch der Zeitpunkt der Messe Anfang April ist optimal, um die für uns besten Weine bei den Winzern zu reservieren, da die Mengen noch nicht knapp sind.

Immer ein Fixpunkt und Highlight der Verkostungen in der Friaul Halle ist das Weingut Gigante aus Corno di Rosazzo. Die Familie Adriano und Giuliana betreibt dort im Collio Orientali einen Weinbaugebiet in dritter Generation, und baut sehr sortentypische Weiß- und Rotweine aus. Ergänzt wird das Sortiment mit einem weißen und einem Rose´Sparklingwein, sowie einem erstklassigen Picolit Süßwein. Seit 2 Jahren gibt es auch die Möglichkeit im elegant eingerichteten Bed & Breakfast Haus – inklusive Spa Bereich – zu übernachten.
Die Highlights unserer Verkostung waren:
- Spumante Prima Nera (100% Schioppettino): idealer Aperitif; zartrosa Farbton, feine Perlage, mittlerer Körper, Granatapfel und Grapefruit
- Storico 2017 (100% Friulano): die Trauben stammen aus einer 75 Jahre alten Einzellage; strahlendes Hellgelb, intensive Aromen nach Stachelbeere und Zitrus, reife Mineralik mit einem langen Abgang, noch sehr verschlossen
- Sauvignon Blanc 2017: leuchtendes grün-gelb, intensive Aromen nach Salbei, Hagebutten und Tomaten, leicht süßlicher Abgang
- Schioppettino 2013: Rubinrot mit Violett-Reflexen, ganzes Gewürzbouquet nach Waldbeeren, etwas Origano, tolle Länge, wunderbarer Speisenbegleiter
- Merlot Riserva 2011: wird nur in den besten Jahren gemacht, selektierte Trauben, intensives Rubinrot, samtige Tannine, reifer Geschmack nach Pflaumen und dunklen Waldbeeren, unheimlich lange!

Eine Neuentdeckung für uns war das Weingut Skok aus San Floriano. Edi Skok keltert ganz typische friulanische Weine, mit feinem Trinkfluss zu fairen Preisen. In der überschaubaren Weinauswahl fanden wir an den Weißweinen etwas mehr Gefallen wie an den Rotweinen. Diese Weine stachen uns besonders ins Auge:
- Chardonnay 2017: sehr sortentypisch, etwas Exotik, Mineralität, gute Länge
- Pinot Grigio 2017: auch sehr sortentylisch, etwas Birne, kräftig, gute Balance zwischen Säure und Frucht
- Sauvignon Blanc 2017: sehr grasig, rassige Säure, klar und blitzsauber
- Zabura 2017 (100% Friulano): Einzellage; kräftig und mit guter Struktur, unwahrscheinlich sortentypisch nach Kamille und etwas Heu, viel Mineralik, enorme Länge!
- Bianco Pe/Ar 2016 (2/3 Chardonnay, 1/3 Pinot Grigio): Chardonnay zu 50% im Barrique vergoren, Nase noch sehr verhalten, auch am Gaumen verschlossen, etwas Banane, fruchtsüßer Abgang

Mit dem Weingut La Tunella in Ipplis verbindet uns eine Lange Freundschaft. Massimo Zorzettig, der gemeinsam mit seinem Bruder Marco und Mutter Gabriella das Weingut betreibt, kann auf eine beachtliche Entwicklung seines Weingutes zurückblicken. Die Größe des Betriebes umfasst 70 Hektar, welche zu 70% mit Weißwein, und 30% mit Rotwein angebaut werden. Die Weine von Zorzettig erfahren jedes Jahr Bestnoten und Auszeichnungen in allen renommierten Weinführern wie Gamero rosso, Guide de Le´Espresso oder Operawine. Die Weinauswahl (2 Linien – Klassik und Lage) ist beachtlich, und das Weingut verfügt über sehr schöne Verkostungsräulichkeiten.
Die (frisch gefüllten) 2017er Klassik-Weißweine präsentierten sich alle sehr sortentypisch, blitzsauber und machten schon mächtig Trinkspass. Bei den Lagenweinen, die meisten Jahrgang 2016 und teilweise im großen Holzfaß ausgebaut, war es etwas schwieriger, denn viele Weine zeigten sich ziemlich verschlossen und waren schwer einzuschätzen. Extrem elegant waren die Rotweine. Von der Klassik-Linie stach uns der Pinot Noir 2016 und der Cabernet Franc 2016 besonders ins Auge. Eine Stufe Höher dann der Schioppettino 2015 und der L`Arcione 2013 (50% Schioppettino, 50% Pignolo). Letzterer zeigte sehr viel Fruchtsüße, Kirsche-Weichselaromen, eine wunderbare Säurestruktur und das alles bestens ausbalanciert. Extrem schön auch wie jedes Jahr der Pignolo 2012, der nicht so wie oftmals bei anderen Winzern durch harte Tannine auffällt, sondern lang anhaltend am Gaumen zart dahin schmeichelt.

Es macht immer Spaß mit Gianni Petrussa vom gleichnamigen Weingut in Prepotto über seine Weine zu philosophieren. Er und sein Bruder Paolo verstehen es in den Weinen Terroir – nämlich die Gegensätze zwischen der 30km entfernten Adria, und den Julischen Voralpen – sowie unter geringstem menschlichen Einfluss auf die Trauben von außen , in der Seele des Weines zum Ausdruck kommen zu lassen. Alle Bearbeitungen in den alten Weingärten werden von Hand druchgeführt, und die Qualität wird deutlich vor die Quantität gestellt.
Besonderen Stellenwert beit Petrussa zollt man der autochtonen Rebsorte Schippettino, welche im Weingut immer eine zentrale Rolle gespielt hat, und welcher dementsprechend auch jedes Jahr einer der besten Weine des Kellers ist. Unsere Highlights waren:
- Chardonnay 2015: 100% Ausbau im Barrique; vorne sehr frisch und durch eine sehr harmonische Säurestruktur gut ausbalanciert, hinten nach feine Nougat- und Röstaromen, welche auf einen perfekten Holzeinsatz hindeuten
- Merlot 2015: 2 Jahre im genrauchten Barriques; samtig weiche, typische Merlotfrucht, Brombeere, weiche Tannine, rund und ausgewogen, sehr schön!
- Rosso Petrussa – Merlot 2015: aus 50 Jahre alten Rebstöcken, 30% neues Barrique; deutlich kräftiger wie der „normale“ Merlot, macht richtig Druck am Gaumen, eher harte Tannine, süße Beerenfrucht, etwas Kakao, viel Potential
- Schioppettino 2014: 2 Jahre im Barrique; sehr elegant, feine Beerenfrucht, zartes Särespiel, mittlere Dichte, macht Gusto auf den nächsten Schluck
- Collezione Personale 2012 (100% Cabernet Sauvignon): reife Kirsche, vollmundig, mittlere Tannine, zart unterlegte Schokolade, sehr elegant, tolle Länge

Reges Interesse und Gedränge herrscht meist am Stand von Ausnahmewinzer Damijan Podversic aus Görz. Sein Ziehvater war Josko Gravner, einer der großen Querdenker im Friaul und Pionier des natürlichen Weinanbaus. Dieser Linie treu bleibend, gibt es bei Podversic´s Weinen keine chemischen Hefen, Schwefel wird nur ganz sparsam eingesetzt, und die Worte Zucker und Filtration kommen im Sprachschatz des Winzers überhaupt nicht vor. Den Erntebeginn bestimmt Podversic nach Verkostung der Trauben, und bedient sich zusätzlich der Mondpahsen. Der Traubenmost gärt spontan dank der eigenen Hefe, und bleibt zwischen 60-90 Tagen auf der Maische. Die Weine von Podversic sind nicht leicht, und auch nicht gleich für jedermann verständlich. Die Farbe geht odt ins leicht bräunliche, und der Geschmack ist dominiert von einer eigenwilligen süßlich frischen Säure. Es gab 2 Weine zum Verkosten:
- Koplja 2014 (40% Chardonnay, 30% Friulano, 30% Malvasia): wunderschönes gold-gelb, in dr Nase nach Orangenzesten, etwas Annanas und Marille, elegante Tanninstruktur, wirkt eher schlank am Gaumen, kommt dann hinten nach noch einmal mit einem druckvollen Finish.
- Ribolla Gialla 2014: bernsteinfarben, intensiver Duft nach Kräutern, Rosenblätter, vielleicht etwas Mandarinenschale, viel Mineralität, und ein unheimlich langer Abgang.

Ein Weingut, welches uns immer ganz besonders fasziniert ist Fasoli Gino aus der Nähe von Verona. Die Weine werden von den Brüdern Natalino und Amadio nach strengen biologischen Kriterien gekeltert. Es gibt einerseits günstige Trinkweine für jeden Tag aus der Garganega Traube wir z.B. den Lugana oder Soave in verschiedenen Qualitätsstufen, aber auch ganz besondere Weine höherer Qualität die sich ganz eigenständig präsentieren:
- Pieve Vecchia 2015 IGT: dieser Wein würde in einer Blindverkostung nur sehr schwer zu erraten sein; die Trauben werden in 3 Erntephasen (sept. – Okt.) von Hand gelesen und separat vinifiziert. Die zweite Phase durchläuft auch eine leichte Trocknung. Die Trauben reifen für 15 Monate in 500L Tonneaufässer und durchlaufen eine Betonnage ( bei diesem Verfahren wird in regelmäßigen Abständen die noch nicht abgezogene Hefe aufgerührt, welche dem Wein einen fruchtigeren und cremigeren Geschmack verleiht). Der Wein hat ein sattes gold-gelb, und schmeckt nach reifen tropischen Früchten. Der Abgang ist lange und hinterlässt Röstaromen und Vanille. Harmonische Säurestruktur. Sehr eigenständiger Wein, aber sehr interesannt!
- „Sande“ Pinot Nero IGT 2011: was ist das doch jedes Jahr für ein toller Wein! Gemacht von der Vinifikation her so wie ein Amarone, d.h. ein teil der Trauben wird vor dem Keltern getrocknet. Dieser Wein hat zwar einen Alkoholgehalt um die 16%, aber aufgrund des perfekten Balance zwischen Säure und Fruchtsüße ist dieser weder störend noch vordringlich. Der Wein besticht durch seine Samtigkeit, Würze und Vielschichtigkeit. Er ist extrem elegant, obwohl er am Gaumen mächtig Druck macht und einen Abgang für die Ewigkeit abliefert. Top! Allerdings mit € 85,- nicht ganz billig.

Aber nicht nur italienische Weine gibt es auf der Vinitaly. Aus Slowenien hat uns Matjaž Zagradišnik die Weine vom Weingut Carolina-Jakoncic verkosten lassen. Das aus der Brda stammende Weingut verfügt über eine sehr große Angebotspalette an Weinen. Es gibt die klassischen im Stahl ausgebauten Jakoncic Weine wie Rebula (Ribolla Gialla) oder Sivi Pinot (Pinot Grigio), und die kräftigeren, im Holz ausgebauten Weine von Carolina wie Bela Carolina (60% Chardonnay, 35% Rebula, 25% Sauvignon Blanc), oder den neuen UVAIA Orangewein, der im ovalen Ei-Holzfaß ausgebaut wird. Nach 14 stündiger Vergärung wälzt sich der Wein im ovalen Faß ständig von selbst um. Als Ergebnis präsentiert sich ein fast dunkelbrauner Wein mit reduzierter Säure, sehr stoffig, deutliche Tannine, Orangenzeste und leichten Raucharomen.

Matjaž Zagradišnik präsentierte uns die Weine von Caroline-Jakoncic
Auf der Vinitaly gibt es aber auch die Möglichkeit in verschiedenen regionalen Konsortien eine riesige Auswahl an Einzelweinen des Gebietes zu verkosten. Diese Stände bieten die Möglichkeit in einem Vergleichsverfahren unbekannte Winzer gegen bekannte Größen „antreten zu lassen“, und wir finden dabei immer wieder neue – meist preislich interessante – Weine. Manche dieser Konsortien haben zusätzlich zu den Verkostungsmöglichkeiten im Stehbereich, auch Verkostungstische im abgesperrten Bereich, wo wir eine Terminvereinbarung empfehlen.


Text: Christian und Alexander Tyl – Fotos: Christian und Yvette Tyl
